Die Bestimmungsmensur

Die Bestimmungsmensur hat sich zwar aus dem Duell entwickelt, sich aber völlig von ihm gelöst und eine eigenständige Bedeutung gewonnen. Während in einem Duell im allgemeinen die Tötung des Kontrahenten beabsichtigt war oder zumindest in Kauf genommen wurde, war dies beim studentischen Duell nicht der Fall. Es war mit einem wesentlich geringeren Risiko verbunden. Das hatte sehr bald dazu geführt, daß jetzt nicht mehr auf Beleidigungen hin zum Duell gefordert wurde, sondern daß jetzt beleidigt oder Beleidigungen provoziert wurden, um zu einem "Duell" zu kommen. Insoweit entwickelte sich sogar ein förmliches Ritual: Die Worte "dummer Junge" zu einem anderen Studenten stellten zwar formal eine Beleidigung dar; anhand der Wortwahl wußte der Adressat jedoch, daß hier eine Beleidigung nur vorgetäuscht wurde, daß in Wirklichkeit diese Worte nichts anderes als die Herausforderung zu einem grundlosen Duell darstellten.

Diese Situation wurde jedoch weitgehend als unbefriedigend empfunden. Die Lösung bestand in der Bestimmungsmensur, d.h., daß nunmehr ohne vorherige Beleidigung die Fechtchargierten zweier Korporationen miteinander "bestimmten", welche ihrer Corpsbrüder gegeneinander fechten sollten. Diese Entwicklung hatte sich zwingend aus dem Beschluß des Kösener Kongresses vom 22.5.1858 ergeben, wo beschlossen wurde, daß jeder einmal gefochten haben mußte, um Bursche werden zu können. Da niemand gezwungen werden konnte, einen anderen auch nur formal zu beleidigen, war die Bestimmungsmensur der einzige Ausweg. Sie wurde wesentlicher Bestandteil des Korporationslebens.

Durften sich zu Anfang die Paukanten noch innerhalb eines gewissen Raumes frei bewegen, so wurde später die starre Mensur eingeführt, bei der die Paukanten auf der Stelle stehen bleiben mußten, und auch hinsichtlich der Art der Hiebe nur bestimmte Kombinationen erlaubt waren. Ein Ausweichen vor den Hieben war verboten und bedeutete das Ende einer Mensur.

Nach groben Schätzungen wurden in allen schlagenden Verbänden seit Einführung der Bestimmungsmensur bis heute ca. 2 Millionen Partien geschlagen.

Trotz der grundlegend anderen Motivation bei Duell und Bestimmungsmensur und trotz der schwere Verletzungen ausschließenden Paukkleidung hatte das Reichsgericht in ständiger Rechtsprechung die Bestimmungsmensur als "Zweikampf mit tödlichen Waffen" rechtlich abgeurteilt. Wenn tatsächlich einmal eine Mensur "abgefaßt" wurde, kam es auch zu Verurteilungen zu Festung. Der Heidelberger Karzer gibt hier ein gutes Beispiel. Aber im allgemeinen gab sich die Obrigkeit keine Mühe, hier Erfolge zu erzielen. Wenn aus irgendwelchen Gründen eine Aktivität der Behörde notwendig erschien, erfolgte oft eine Vorwarnung, so daß dann die Studenten nicht bei Mensur, sondern bei einer Kneipe angetroffen wurden.

1933 wurde die Mensur für straffrei erklärt. Nach dem Krieg war die Rechtslage zunächst unklar, sodaß viele Verbindungen das Fechten leider aufgaben. Der Bundesgerichtshof hat jedoch daraufhin die Bestimmungsmensur für straffrei erklärt. Auch das Bundesverfassungsgericht hat sich mit der Bestimmungsmensur befaßt. Das dienstliche Verbot der Bestimmungsmensur mit der Begründung der Selbstverstümmelung wurde auf Klage hin aufgehoben.

Kirchenrechtlich, d.h. katholisch-kirchlich, galt die Bestimmungsmensur ebenfalls als Duell und zog die Exkommunikation nach sich. Die Bestimmungsmensur wurde als Vorbereitung zum Duell eingestuft.

Der Beweis der Unrichtigkeit dieser Behauptung ergibt sich aus der Abschaffung der unbedingten Satisfaktion nach dem letzten Krieg und damit dem Ende aller Duelle. Die Bestimmungsmensur kann somit auch nicht mehr als Vorbereitung auf ein Duell angesehen werden. Die Kirche verblieb allerdings bei ihrer grundsätzlich ablehnenden Einstellung, doch tritt die automatische Exkommunikation nicht mehr ein.

Heute läuft die Bestimmungsmensur in klar abgestecktem Rahmen ab. Die in den jeweiligen Städten gültigen Paukcomments regeln den Ablauf einer Mensur bis in alle Einzelheiten.

Die Bestimmungsmensur ist auch heute noch ein wichtiger Teil des Korporationslebens und ein Meilenstein für jeden in seinem Werdegang in der Verbindung.

erstellt im WS 1991/92

Stefan Scheuerle Z! (xx, FM)

 

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05.08.2013
 
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